Nr. 7 • 2003 • Seite 8/9

Weichenstellung für Jugendausbildung

In den vergangenen Jahren wurden im Bereich der dualen Ausbildung bereits wesentliche Verbesserungen erreicht. Die Wirtschaftskammer Wien wird weiterhin alle Hebel in Bewegung setzen, um eine noch praxisnähere Ausbildung der Jugendlichen in Wien zu ermöglichen.

Die Wiener Wirtschaft bildet derzeit über 16.000 junge Menschen in rund 150 verschiedenen Lehrberufen aus. "Diese Ausbildungsleistung ist keineswegs selbstverständlich, sondern beruht auf der hohen Verantwortung, die die Wiener Lehrbetriebe für die Heranbildung zukünftiger Fachkräfte für ihren Betrieb, aber auch für die Gesellschaft übernehmen", erklärt der Präsident der Wirtschaftskammer Wien, Walter Nettig. Die Wirtschaftskammer Wien ist laufend bemüht, die Rahmenbedingungen für die Ausbildungsbetriebe zu verbessern, damit die Lehre auch in Wien Zukunft hat. Hier wurde in den letzten Jahren einiges erreicht - wie zum Beispiel die neue Förderung von Ausbildungsverbünden in Wien durch den WAFF.

Förderung für Ausbildungsverbünde

Als Ausbildungsverbünde bezeichnet man die Zusammenarbeit von Lehrbetrieben mit Partnern. Diese Partner, die dem Lehrling spezifische Inhalte vermitteln, können andere Betriebe oder Bildungseinrichtungen sein. Die Inhalte können dabei solche des Berufsbildes, aber auch zusätzliche Fertigkeiten und Kenntnisse sowohl auf fachlicher als auch auf persönlicher Ebene sein. Die neue Förderung für Ausbildungsverbünde beruht auf einem gemeinsamen Vorschlag der Sozialpartner an die Stadt Wien. Lehrbetriebe erhalten damit einen Teil jener Zusatzkosten, die durch die Heranziehung von Partnern entstehen, refundiert. "Wir wollen mit dieser Initiative einerseits die Ausbildung der kompletten Lehrinhalte absichern und andererseits zusätzliche potentielle Lehrbetriebe, die vielleicht selbst nicht alle Ausbildungsmodule anbieten können, zur Jugendausbildung motivieren", so Nettig.

Die Förderung beträgt 50 Prozent der nachgewiesenen Zusatzkosten durch den Lehrbetrieb, maximal aber 1.000 Euro pro Lehrling und Lehrjahr. Für Betriebe, die erstmals Lehrlinge oder in neuen Lehrberufen ausbilden, beträgt die Förderung 70 Prozent oder bis zu 1.200 Euro pro Lehrling und Lehrjahr. Die Broschüre "Mehr als Lehre", die von der WKW gemeinsam mit der AK Wien erstellt und finanziert wurde, soll nun den (zukünftigen) Ausbildungsbetrieben die Rahmenbedingungen für Ausbildungsverbünde und die neuen Förderungen aufzeigen, sowie darstellen, welche Angebote der Zusammenarbeit bereits existieren. "Wichtig erscheint mir, dass die Lehrbetriebe aus den Angeboten wählen können und selbst entscheiden, mit welchen Partnern sie in der Ausbildung zusammenarbeiten möchten. Dadurch ist sichergestellt, dass die Angebote den Bedürfnissen der Lehrbetriebe und der Lehrlinge entsprechen", meint Nettig. Die Broschüre wurde bereits allen aktiven Lehrbetrieben in Wien zugesandt und kann bei der Lehrlingsstelle angefordert werden.

Rahmenbedingungen verbessern

"Vor dem Hintergrund eines äußerst schwierig gewordenen konjunkturellen Umfelds ist es uns durch zahlreiche Anstrengungen dennoch gelungen, die Lehrlingssituation in Wien weitgehend stabil zu halten. Tatsache ist aber auch, dass ganz generell angesichts des Strukturwandels hin zur Wissensgesellschaft Bildung auch als Standort- und Wettbewerbsfaktor immer wichtiger wird", betont Nettig: "Die Wirtschaftskammer Wien sieht es daher als ihre Aufgabe an, den Dialog zwischen Wirtschaft und Schule zu fördern und damit einen ,Regionalen Bildungscluster Wien' zu schaffen. Die Kooperationen finden inzwischen auf vielen Ebenen zwischen Schulen und Unternehmen statt und reichen vom reinen Sponsoring über die Unterstützung durch Lehrmaterialien aus der Wirtschaft bis zur Gründung von Unternehmen durch Schüler im Rahmen des Projektes ,Junior'". Dabei arbeitet die WKW in einem Netzwerk von Partnerinstitutionen zusammen, das von der "Arbeitsgemeinschaft Wirtschaft und Schule" bis zur "Volkswirtschaftlichen Gesellschaft" reicht.

Nettig: "Wir versuchen also in unserem Bereich, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um eine praxisnahe Ausbildung unserer Jugend zu ermöglichen. Gerade in diesem Zusammenhang ergeben sich aus den Erfahrungen unserer Mitgliedsbetriebe einige Forderungen, die die Wirtschaft an die Schulen zur Sicherung einer zukunftsorientierten Schulausbildung stellen muss."

• Mindeststandards für Schulabsolventen

Jeder Schulabgänger muss nach positiver Absolvierung der Schulpflicht über ein Mindestmaß an Wissen und Fähigkeiten verfügen. Dazu gehören die grundlegenden Kulturtechniken wie sinnerfassendes Lesen, Anwendung der Grundrechnungsarten, Kommunikation in einer Fremdsprache und PC-Anwendung. Nicht zuletzt die Erfahrungen der WKW-Lehrstellenoffensive im Oktober vergangenen Jahres zeigen, dass viele angebotene Lehrstellen nicht besetzt werden konnten, weil die Bewerber über diese Grundqualifikationen nicht verfügen.

• Mehr Wirtschaftspraxis für Lehrer

In der Lehreraus- und Fortbildung muss die Absolvierung von Praxiszeiten in der Wirtschaft zum Standard werden. "Angesichts der Verantwortung der Lehrer für die Zukunft ihrer Schüler ist der Bezug von Informationen aus Schulbüchern, gelegentlichen Betriebsbesuchen oder Lehrerseminaren nicht ausreichend, um einen realistischen Eindruck vom Berufsleben zu gewinnen", so Nettig.

• Berufsinformation in allen Schultypen verbessern

Es muss für Schüler aller Schultypen ermöglicht werden, realistische Berufsvorstellungen zu entwickeln. Ermöglicht wird dies insbesondere in Form von Realbegegnungen mit der Wirtschaft. Ein Beispiel sind die "Berufspraktischen Tage", wo ein Schüler einige Tage in einem Betrieb verbringt. Diese finden aber derzeit in der Praxis fast ausschließlich im Polytechnischen Jahr statt. Jene Schüler, die ihr letztes Schulpflichtjahr in der AHS oder in einer BHS (HAK, HTL, …) verbringen - und dies ist in Wien die Mehrheit -, haben diese Möglichkeit derzeit kaum.

Schwerpunkte

Die WKW selbst setzt ihrerseits unter anderem folgende Schwerpunkte, um Ausbildung und betriebliche Praxis enger zu verknüpfen:

- Branchenpräsentationen im BIWI:

Die Berufsinformation der Wiener Wirtschaft am Währinger Gürtel wird von und mit Unternehmern gemacht. Die einzelnen Berufe stellen sich immer sehr praxisbezogen dar, die Schüler und Lehrer haben Gelegenheit, nicht nur einfache Handgriffe auszuprobieren, sondern mit Fachleuten vom Lehrling bis zum Meister zu sprechen. Mehr als 30.000 Besucher haben im Vorjahr die verschiedenen Angebote des BIWI genützt.

- Versicherung für Betriebspraktika:

Schüler oder Lehrer, die an Betriebspraktika teilnehmen, sind über die Wirtschaftskammer Wien kostenlos versichert. Wie wichtig diese Leistung ist, hat sich erst kürzlich wieder gezeigt: Ein Schüler legte versehentlich das Förderband eines pharmazeutischen Betriebes lahm, indem er eine Leiter mit einem Kübel Latexfarbe darauf umstieß. Die Farbe verteilte sich über die Medikamente und in das Förderband. Schadenssumme: 23.000 Euro - die durch die Versicherung der WKW gedeckt wurde.

- Betriebspraktika für Lehrer:

In einem gemeinsamen Projekt mit dem Wiener Stadtschulrat soll bei Lehrern an Wiener AHS und Pflichtschulen das Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge und unternehmerisches Handeln geweckt werden. Das Echo hat die Erwartungen deutlich übertroffen. Das Projekt ist gut angelaufen, mehr als 70 Pädagogen haben sich bereits gemeldet und werden eine Woche in einem Wiener Unternehmen verbringen.

- Fremdsprachenwettbewerbe an Wiener Schulen:

Auch heuer wieder werden Fremdsprachenwettbewerbe an den Wiener AHS in den Sprachen Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch gemeinsam mit dem Stadtschulrat organisiert. Die Wettbewerbe laufen im Februar und März und werden am 4. April mit den Preisverleihungen für Englisch abgeschlossen.

- "2. Wiener Töchtertag" am 24. April:

Einen aktiven Beitrag will die WKW zur besseren Heranführung von Mädchen an technische Berufe leisten. Gemeinsam mit der Wiener Frauenstadträtin Renate Brauner werden die Wiener Unternehmen eingeladen, an diesem Tag ihren Betrieb für die Töchter von Mitarbeitern zu öffnen. Ziel ist es, Mädchen und deren Eltern bei der Berufswahl zu unterstützen und sie auch für Berufe zu begeistern, die für Mädchen noch nicht "typisch" sind.

- Bewerbungstraining für AHS-Schüler:

In einem Pilotprojekt wurde kürzlich an der AHS Ottakring ein Bewerbungstraining mit Unternehmern aus Gewerbe und Handel organisiert.

Lehrlingsstelle der WKW

Mag. Erich Huber, Tel.: 514 50 DW 2413, e-mail: erich.huber@wkw.at

Web: wko.at/wien/lehrling

BIWI

Leo Hödl, Tel.: 470 33 07 DW 10, e-mail: leo.hoedl@wkw.at

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